Forschungsverbund Diktaturerfahrung + TransformationForschungsverbund Diktaturerfahrung + Transformation

Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren

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Trefforte des MfS und Orte der Dissidenz in Erfurt

Blick auf die Altstadt von Erfurt 1975. Foto: Lothar Willmann/euroluftbild.de
Blick auf die Altstadt von Erfurt 1975. Foto: Lothar Willmann/euroluftbild.de

Das Projekt nimmt zwei konkrete Erfahrungs- und Handlungsräume in der städtischen Landschaft der DDR und die mit ihnen verbundenen Wahrnehmungen und Erinnerungenin den Blick. Über »Trefforte des MfS«, sogenannte »Konspirative Wohnungen« (KW), die (vordergründig) dem Austausch konspirativen Wissens zwischen der Staatssicherheit und deren Informellen Mitarbeitern dienten, gibt es kaum wissenschaftliche Literatur (Vgl. Heinrich 2006). Da sie Überwachung und gesellschaftlichen Alltag systematisch verklammerten, eröffnen sie heute einen ganz außergewöhnlichen mikrohistorischen Zugang zur Alltags-, Herrschafts- und Erinnerungsgeschichte der DDR. Neben der Recherche und kritischen Analyse von Überwachungsprotokollen etc., geht es auch um die Frage, welchen Charakter die KW hatten: Waren sie Orte des Verrats oder Räume eines komplexen Wechselspiels, an denen das MfS letztlich nur erfuhr, was ihm mitgeteilt wurde?

Dieser Perspektive auf die Praxis politischer Kontrolle wird die Erinnerung an jene »Orte der Dissidenz« beigestellt, an denen sich Oppositionelle (konspirativ) austauschen konnten. Beide Strukturräume werden in ihrem (in)direkten Zusammenhang analysiert. Dieser unvermeidbar auch agonistische Erinnerungsdiskurs beschränkt sich nicht nur auf die beiden letzten Jahrzehnte der DDR, sondern nimmt ebenso die Dekaden der Transformation in den Blick: Inwieweit fungieren oder fungierten bestimmte Orte als kollektive oder individuelle Erinnerungsorte, aus welchen Gründen, in welcher Hinsicht und für wen? Unweigerlich geht es auch um kollektive Erinnerungen und kritische Auseinandersetzung mit den Bildern der gelebten DDR vor Ort, also um »die (teil)gesellschaftliche Geltungswahrheit historischer Überlieferungen« und um »die Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit der Denkmuster, in denen die DDR-Vergangenheit in unserer Gegenwart aufscheint« (Sabrow). Im Idealfall kann das Projekt einen Wandel von Erinnerungen und politisch-kulturell gedeuteter Topographie im Zeitverlauf aufzeigen und als Modell für andere Städte genutzt werden.

Aktivitäten

27. April 2020, Einblick, Marian Herzog und apl. Prof. Dr. Alexander Thumfart, »Von heißen Kartoffeln und einem Panoptikum. Die Logiken von Überwachung und Ungewissheit«