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Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren

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Publikation, Franz Waurig, »Gedenken ohne Wissen? Die sowjetischen Speziallager in der postsozialistischen Erinnerungskultur«, Beitrag in AsKI KULTUR leben 1/​2020

Gedenkstelen für die in Untermaßfeld verstorbenen Häftlinge aus dem Speziallager Nr. 1 Sachsenhausen. Parkfriedhof Meiningen, August 2020. Bildrechte: Gedenkstätte Buchenwald
Gedenkstelen für die in Untermaßfeld verstorbenen Häftlinge aus dem Speziallager Nr. 1 Sachsenhausen. Parkfriedhof Meiningen, August 2020. Bildrechte: Gedenkstätte Buchenwald

Franz Waurig vom Teilprojekt »Gedenken ohne Wissen? Die sowjetischen Speziallager in der postsozialistischen Erinnerungskultur« an der Gedenkstätte Buchenwald verfasste kürzlich einen Beitrag, der in der aktuellen Ausgabe des Magazins »KULTUR leben« erschien. Er stellt darin das Forschungsprojekt am Beispiel der Gedenkstelen für die in der Haftanstalt Untermaßfeld verstorbenen ehemaligen Häftlinge des Speziallagers Nr. 1 Sachsenhausen vor.

Den Beitrag können Sie dank freundlicher Genehmigung des Arbeitskreis selbstständiger Kultur-Institute e.V. unten in voller Länge lesen. Die komplette Ausgabe des Magazins finden Sie auf der Website des Vereins.


Franz Waurig: »Gedenken ohne Wissen? Die sowjetischen Speziallager in der postsozialistischen Erinnerungskultur«

Im Februar 1950 kamen 1.229 Häftlinge des aufgelösten sowjetischen Speziallagers Nr. 1 Sachsenhausen (1945–50) zur weiteren Strafverbüßung in die Haftanstalt Untermaßfeld in Thüringen. Aufgrund von Krankheit und schlechter medizinischer Versorgung verstarben bis 1953 74 von ihnen. Die Urnen mit der Asche von 49 Toten wurden 1967 auf dem Parkfriedhof im nahe gelegenen Meiningen anonym bestattet.

Seit den 1990er Jahren setzten sich ehemalige Speziallager-Insassen in der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945–1950 e.V. für eine Gedenktafel ein, die an die Verstorbenen in Untermaßfeld erinnert. Im Jahr 2000 wurden schließlich zwei Steinstelen auf dem Parkfriedhof Meiningen eingeweiht. Erst später und nur zögerlich setzte sich die Arbeitsgemeinschaft mit den Biographien der 49 dort namentlich aufgeführten Verstorbenen auseinander.

Nach einer Intervention der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten – Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen wurde 2016 der Namenszug von Josef Ebenhöh (1914–1951) aus einer der beiden Stelen herausgefräst. Ebenhöh, aus dem Sudetenland stammend und bereits früh mit der nationalistischen Henlein-Partei sympathisierend, war während des Zweiten Weltkriegs Kommandoführer in den Außenlagern Langensalza und Penig des KZ Buchenwald. In Penig mussten zwischen Januar und April 1945 700 jüdische Frauen aus Ungarn bei der Produktion von Flugzeugteilen Zwangsarbeit leisten. Sie litten unter katastrophalen Lebensbedingungen, Seuchen grassierten, Medikamente gab es kaum. Mindestens zehn KZ-Häftlinge verstarben bis zur Räumung des Lagers. Ein 1966 eingeleitetes Voruntersuchungsverfahren gegen die Verantwortlichen wurde sieben Jahre später eingestellt – u.a. da die bundesdeutsche Justiz den Verbleib von Josef Ebenhöh nicht ermitteln konnte.

Die Causa Ebenhöh schien mit der Tilgung seines Namens von der Stele erledigt. Wichtiger wäre eine intensive öffentliche Beschäftigung mit den Lebensläufen aller namentlich aufgeführten verstorbenen Speziallager-Insassen sowie der (über)regionalen NS- und Nachkriegsgeschichte gewesen. Nicht alle überstellten Speziallager-Insassen, die in Untermaßfeld verstarben, waren an nationalsozialistischen Gewaltverbrechen beteiligt. Allerdings finden sich unter den aufgeführten Namen u. a. mehr als zehn weitere Personen, die laut sowjetischen Unterlagen an Misshandlungen von ausländischen Zwangsarbeiter:innen oder Gewaltakten gegen die Bevölkerung in den besetzten Gebieten beteiligt gewesen sein sollen.

Der oben skizzierte Fall steht symptomatisch für die Schwierigkeiten des Erinnerns an die NS-Diktatur und die sowjetische Besatzungszeit in den »neuen Bundesländern« nach 1990. Mit dem Ende der DDR konnte erstmals öffentlich über bisher ausgesparte Themen der Geschichte berichtet und verhandelt werden. Dazu gehörten auch die sowjetischen Verhaftungen und Speziallager. Betroffene, Angehörige und Initiativgruppen traten seit 1989/​90 für die Setzung von Gedenkzeichen im öffentlichen Raum ein. Nicht selten kollidierten die privaten Erzählungen und Erinnerungen an die sowjetischen Internierungen mit den neuen Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschungen, die für die erinnerungskulturellen Praktiken von Betroffenen und ihren Angehörigen lediglich eine untergeordnete Rolle spielen.

Dreißig Jahre nach der deutsch-deutschen Vereinigung setzt die Gedenkstätte Buchenwald in einem mehrjährigen Projekt genau an diesem Punkt an. Unter dem Motto »Gedenken ohne Wissen?« wird die ostdeutsche Erinnerungskultur der letzten 30 Jahre an sowjetische Verhaftungen und Speziallager einer größeren »Inventur« unterzogen. Das Projektteam dokumentiert Denkmale, die diese Erinnerung öffentlich repräsentieren. In einer Datenbank werden neben einer aktuellen Zustandsbeschreibung und der Geolokalisierung auch Informationen zur Entstehungsgeschichte und wichtigen Akteuren der Setzungen.

Darüber hinaus sind »citizen science«-Projekte geplant. Gemeinsam mit Partnern vor Ort (Schulklassen, Volkshochschulen, Geschichtsvereinen) führt das Projektteam Recherche-Workshops durch. Im Zentrum stehen dabei Biographien mit Bezug zur Region und zu sowjetischen Verhaftungen: Dabei werden die Biographien sowohl in die lokale NS-Gesellschaftsgeschichte eingeordnet, als auch in die Zeit der sowjetischen Besatzung. Den dritten Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die Personen und das Geschehen vor bzw. nach 1945.

Das Projekt ist Teil des Verbundes »Diktaturerfahrung und Transformation. Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren«. Ihm gehören neben der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora die Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Universität Erfurt und die Stiftung Ettersberg. Europäische Diktaturforschung – Aufarbeitung der SED-Diktatur – Gedenkstätte Andreasstraße an. Förderung erhält der Verbund durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Bild: Gedenkstelen für die überstellten Häftlinge des Speziallagers Sachsenhausen, die in der Haftanstalt Untermaßfeld verstarben. Parkfriedhof Meiningen, August 2020. An der ausgefrästen Stelle stand bis 2016 der Name des KZ-Kommandoführers Josef Ebenhöh. Bildrechte: Gedenkstätte Buchenwald.

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Veröffentlicht am: 17. November 2020, 14:30 Uhr