Forschungsverbund Diktaturerfahrung + TransformationForschungsverbund Diktaturerfahrung + Transformation

Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren

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Die »Sammlung Kratschmer/Würtz« und die Jugendlyrik in der DDR

Assoziiertes Projekt, Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Zeitraum: 2021–2024

In der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB), Jena, befindet sich unter dem Titel »Sammlung Kratschmer/​Würtz. Jugendlyrik der DDR« ein Archiv, das über 100.000 größtenteils unveröffentlichte Gedichte von ca. 15.000 Jugendlichen enthält. Diese Sammlung, die bis heute nie wissenschaftlich erschlossen wurde, ist eine einzigartige Quelle für die Erforschung der Jugendlyrik in der DDR als einem Massenphänomen im Spannungsfeld von staatlicher Lenkung und Emanzipationsstreben. Angelegt wurde sie von dem Lehrer und Publizisten Dr. Edwin Kratschmer, der von 1964 bis zum Ende der DDR Gedichte von Schülerinnen und Schülern für die Anthologie-Reihe »Offene Fenster« (8 Bde. 1967–1985) sammelte. Er arbeitete dabei mit Hannes Würtz zusammen, der in der Zeitung »Junge Welt« und im Kontext der von der FDJ organisierten ›Poetenbewegung‹ eine Jugendlyrik-Rubrik betreute.

Ziel des Projekts ist es, auf Grundlage der »Sammlung Kratschmer/​Würtz« exemplarisch sowohl den institutionellen Rahmen als auch die literarische Praxis von Jugendlyrik in der DDR zu erforschen. Dies geschieht unter der Leitfrage nach dem Verhältnis von institutioneller Kontrolle und Eigeninitiative. Zunächst werden Geschichte und Aufbau der Sammlung erschlossen. Danach erfolgt die fallstudienartige Auswertung des Quellenkorpus in Hinblick auf bestimmte historische Abschnitte. Zum einen wird am Beispiel Kratschmers und Würtz’ untersucht, welchen Handlungsspielraum einzelne Akteure innerhalb des politisch kontrollierten Rahmens der FDJ-Talentförderung hatten bzw. sich verschaffen konnten. Zum anderen wird gefragt, aus welcher Motivation sich die Jugendlichen an den Lyrikwettbewerben beteiligten und welche Ziele sie selbst mit dem Schreiben verfolgten. Dabei werden die Gedichte selbst in Hinblick auf Sprache, Themen und Sprecherrollen analysiert. Das Projekt leistet so auch einen Beitrag dazu, das Genre des DDR-Jugendgedichts in formaler und thematischer Hinsicht genauer zu bestimmen.